Markt Raum Wien 2018/19

Studie MARKT RAUM WIEN (Institut für Kunst und Gestaltung, TU Wien)
Im Wintersemester 2018/2019 haben wir im Rahmen unserer Modullehrveranstaltung mit unseren Studierenden acht Wiener Detailmärkte näher untersucht, und für diese Orte unterschiedliche Projekte und Kommunikationsmittel entwickelt.
In mehr als 40 Fragestellungen wurden folgende Bereiche näher beleuchtet:

1) Marktstruktur (Lage, Stände, Nutzer- und Anbieterstruktur, Leerstand, Anteil Bauernmarkt, etc.)

2) Räumliche Situation (Verhältnis von Freifläche zu Nutzfläche, Walkability, kommerzielle-nichtkommerzielle Angebote)

3) Waren (regional-global, bio oder konventionell, Diversität, Nachhaltigkeit, ausgewählte Waren)

4) Preise (im Vergleich zu den Supermärkten, im bio-konventionell Schema, vor Ort)

5) Verkehr (öffentliche Infrastruktur und Anbindung, Wegdistanzen, benutzte Transportmittel, Verkehrssituation)

6) Wünsche (Veränderungswünsche, Zufriedenheit, etc.)

7) Besonderheiten

Team: Enrico Bravi, Sophie Dvorak, Florian Gruber, Stefan Lechleitner, Otto Mittmannsgruber, Tobias Schererbauer

Brunnenmarkt

Floridsdorfer Markt

Hannovermarkt

Karmelitermarkt

Meidlinger Markt

Rochusmarkt

Schwendermarkt

Viktor Adler Markt

Ergebnis:


Transformationsprozesse der Urbanisierung

Die Wiener Detailmärkte sind seit jeher Transformationsprozessen unterworfen, die mit der Veränderung des mittel- und unmittelbaren Umfeldes zusammenhängen. Da die Märkte teils als eine Art Spiegelbild ihres jeweiligen Milieus, in das sie eingebettet sind, angesehen werden können, sind sie auch als sehr unterschiedliche Funktionseinheiten zu betrachten. Bei den Ursachen für Veränderungen sind möglichst viele Komponenten zu betrachten.

Generell ist festzustellen, dass in Stadtteilen mit kaufkräftigeren Kundenschichten auch qualitativ hochwertigere und nachhaltig wirksame Produktkategorien und höhere Preise durchsetzbar sind (Rochusmarkt, Karmelitermarkt, Schwendermarkt, Yppenplatz). Dies vor allem deshalb, weil die meisten Kunden eines jeden Marktes im Umkreis von ca. einem Kilometer wohnhaft sind. Diese Aufwertung führt allerdings dazu, dass Anrainer mit wenig Kaufkraft  hier kaum mehr die Grundlage für die eigene Versorgung finden.

Im Gegenzug dazu locken Märkte in Stadtteilen mit weniger kaufkräftigen Kundenschichten mit Billigangeboten, und Bioprodukte sind dort Mangelware. Kommt hier eine breite Masse zu ihren Einkäufen, können ernährungsbewußte Anrainer an diesen Angeboten nicht partizipieren.

Beide Extreme zementieren damit ihren Status ein, und schließen im jeweiligen Modus einen Teil ihres umgebenden Milieus aus, beziehungsweise tragen zur innerstädtischen Migration bei.


Unterschiedliche Entwicklungsstände von Märkten

Die Märkte befinden sich auf ihren urbanen Bewegungsachsen an unterschiedlichen Wegmarken. Märkte mit durchgehend hoher Produktqualität sind an einem vorläufigen Endpunkt als eher stabilisiert anzusehen (Karmelitermarkt, Rochusmarkt, Yppenplatz). Der soziale Wandel im Milieu und die Einflussfaktoren des Städtebaus sind gering.

Märkte in Gegenden mit starkem Wandel,  demografisch oder auch städtebaulich, stehen sinnbildlich an der Kippe, und es ist ungewiß, wie sie sich entwickeln können. Sie weisen eine Tendenz zur Schrumpfung auf (z.B. Meidlinger Markt, Schlingermarkt, partiell auch Schwendermarkt).

Märkte mit hohem Billiganteil und konventionellen Produkten sind eher als pulsierende Gebilde zu beschreiben,  die zu kurzfristigen Schwankungen neigen. Sie verhalten sich dynamisch, expandieren und schrumpfen situativ. (Hannovermarkt, Viktor-Adler Markt, Brunnenmarkt)

Aus der Sicht der Betreiber funktionieren sowohl die Märkte mit hohem Qualitätsanteil als auch die Märkte mit hoher Kundenfrequenz und Billigprodukten gut, weil der Leerstand gering und die Versorgungsleistung hoch ist. Aber die Lage ist komplex und die Perspektiven sind vielfältiger.


Angebots- und Nachfragestruktur und städtebauliche Wechselwirkungen

Die situative Funktion von Märkten wird gerne als das Äquivalent der jeweiligen Angebots- und Nachfragestruktur gesehen. Märkte mit nachhaltigen Produkten befriedigen diese spezifische Nachfrage vor Ort, Märkte mit Schleuderartikeln reagieren ebenso auf eine dementsprechende Nachfrage. Faktum ist, dass bei fehlender Nachfrage die Angebotsstruktur ungleich schwieriger aufrecht zu erhalten ist als beim Vorhandensein dieser Nachfrage.

Um gestalten zu können, muß die ständig wechselnde Nachfragestruktur erkannt und durch marketingtechnische Maßnahmen gesteuert werden. Reagieren Märkte nur passiv auf die Nachfrage von außen, liefern sie sich vollends der Dynamik von externen Faktoren aus. Das Ziel von Märkten sollte aber sein, in diesen Warenkreislauf zu intervenieren, um Diversität zu erzielen, einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, die Umwelt zu schonen, die städtische Nahversorgung zu verbessern, aber auch um die  Veränderungen des Marktes in Hinblick auf das übergeordnete Ganze besser voraussehen zu können.

Märkte mit niedrigeren Produktqualitäten erzeugen überdies negative Nebenwirkungen – beobachtbar sind neben den bekannten negativen, allgemeinen ökologischen Faktoren von Billigprodukten unmittelbare Auswirkungen auf das städtebauliche Umfeld. Billigangebote sprechen auch weiter entfernte Klientel an, und produzieren mehr Verkehr. Deutlich ist zu erkennen, dass bei infrastruktureller Voraussetzung (Zufahrt zum Markt möglich) gerade Schnäppchenjäger gerne mit dem eigenen Auto kommen, und die lokale Infrastruktur dadurch zum Erliegen bringen (s. Hannovermarkt – hier kommen am Wochenende bis zu 30% mit dem eigenen Auto, obwohl der Markt bestens öffentlich angebunden ist!). Der motorisierte Individualverkehr beansprucht dabei übermäßig Raum, und verdrängt den umweltfreundlichen Verkehr. Umweltverschmutzung, Lärm, und Verkehrsgefährdung und Abwertungen der umliegenden Wohn- und Lebensqualität sind die Folge. Durch diese Dynamik der Billigpreispolitik werden überdies Kunden von anderen Märkten abgezogen, und daher auch dort negative Szenarien verstärkt.

Auffällig war, dass bei den Umfragen die Bauernmärkte sehr gut abschneiden, diese jedoch auf den jeweiligen Märkten räumlich als auch zeitlich unterrepräsentiert sind.


Unterschiedliche Märkte, unterschiedliche Konzepte

Kein Markt gleicht dem anderen, aber es gibt eine einheitliche Marktordnung. Nachfrage kann nicht verordnet werden, sie muss entweder vorhanden sein, oder erzeugt werden. Ebenso kann auch der Wandel nicht verordnet werden, – er muss mit gestaltet werden. Märkte brauchen lokal ausgelegte Konzepte, die auch ihr tragendes Umfeld miteinbeziehen. Werden spezifische Interessen in den Vordergrund gestellt, etwa eine vermeintlich aufrecht zu erhaltende Versorgungsleistung bestimmter Produktkategorien, entstehen Zwänge, die auf Dauer nicht durchsetzbar sind, und letztendlich eine gegenteilige Wirkung entfachen. Deshalb muss die Grundlagenforschung vor Ort sehr gründlich ausfallen, und die lokalen Gründe für Transformation mit regionalen und globalen Faktoren abgeglichen werden. Die Märkte müssen aktiv und proaktiv agieren, Gestaltungswillige mit den Tisch geholt werden.

Leider werden diese Voraussetzungen von der derzeitigen Marktordnung nicht erfüllt, denn sie differenziert zu wenig, und im Marktbeirat bleiben die Anrainer ausgeschlossen.

Ebenso fehlt das Interesse an der gründlichen Erforschung von marktverändernden Faktoren vonseiten des Marktamtes.


Probleme als Chancen werten

Oft werden sich abzeichnende und bevorstehende Veränderungen als Probleme gesehen, anstatt in ihnen Chancen für Neues zu erkennen. Wichtig wäre vorerst einmal, von den Einzel- und Partikularinteressen (Rechte von Ständebetreibern,  Priorität der Versorgung) zu Allgemeininteressen (Formulierung von städtebaulichen Funktionen und Zielen) zu gelangen. Es gilt, den Blick in die Zukunft zu richten, Alternativen auszuloten und zu fördern.

Märkte sind mehr als ihre baulichen Anlagen, und keinesfalls darf Leerstand nur als das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage gewertet werden. Die Liste an Faktoren kann sehr umfangreich sein (wie Generationenwechsel, Krankheit, fehlende Nachwuchs- und Imagepflege, fehlende Verdienstmöglichkeiten aufgrund zu exzessiver Billigpolitik oder benachbarter Billigkonkurrenz, schlechte Arbeitszeitgestaltung aufgrund falscher Regelwerke, berufliche Veränderungswünsche, mangelnde Flexibilität von baulichen Strukturen,  demografische Veränderungen, Wechsel der Kundenwünsche, etc.).

Das Instrumentarium im Umgang mit dieser Vielfalt muss flexibel bleiben, Maßnahmen mutig und fallweise auch mit experimenteller Neugier angegangen werden. Ein Steuerinstrument für einen Markt könnte einem Mischpult gleichen, dessen zahlreiche Regler starke und schwache Stimmen zu einem klingenden Ganzen vereinen.

Derzeit werden die Kommunikations- und Marketingpotentiale der Märkte nicht ausgeschöpft. In der Regel haben die Märkte keine eigenen Kommunikationskanäle (etwa Webseiten).


Soziale Funktionen als Perspektive und Ideen für die Leerstandsnutzung

Märkte sind soziale Zentren, solange auf Ihnen Leben herrscht. Bei Stammkunden und anderen Marktbesuchern steht der persönliche Kontakt hoch im Kurs, und Verkäufer und Klientel bilden eine unverwechselbare Gemeinschaft. Wenn ein Markt aufhört, zu funktionieren, bleibt in der Anlage und baulichen Struktur das Bild des Scheiterns zurück, und dies ist auf alle Fälle zu verhindern. Deshalb müssen die sozialen Potentiale des Marktlebens rechtzeitig erkannt und gefördert, das Miteinander in den Vordergrund gestellt werden. Die öffentlichen Anlagen sind ideale Plattformen für den Austausch, und können immer mit neuen Ideen gefüllt werden. Daher ist es wichtig, nicht alternativlos an den rein kommerziellen Funktionen festzuhalten, sondern die soziale Potentiale auszuloten.

Dabei haben Märkte mit ihrem Leerstand, der ein zumeist von der öffentlichen Hand gestaltbarer ist, gegenüber Geschäftstraßen mit ihrem privaten Charakter einen gestalterischen Vorteil. Märkte müssen die Potentiale nutzen, die aus ihrer zentralen Lage, der umgebenden Infrastruktur, den anrainenden Bewohnern, den bauliche Arrangements und auch aus ihrer Geschichte bestehen.